Der freundliche Hacker aus der Nachbarschaft

Who Am I - Kein System ist sicher Hacker-Treffen im Darknet | Foto: ORF/Pro7/© Wiedemann & Berg Film/Jan Rasmus Voss. ©: ORF, Wuerzburggasse 30, A-1136 Wien

Ok, dieser Hinweis kommt etwas spät, der Artikel kann daher eher als kritische Nachlese verstanden werden. Es war ja vorher kaum abzusehen, dass die Qualität hoch ist und es zu solchen überraschenden Wendungen kommen würde …

Daher verabsäumte ich die ORF-Premiere: „Who Am I – Kein System ist sicher„, einen Hacker-Thriller mit Schilling, M’Barek und Möhring vorher als TV-Termin zu posten. SORRY, aber:

Ich bin bei solchen Filmen meist vorher recht skeptisch, immerhin hat man auch „irgendwas mit Computer“ zu tun (Weit mehr als „nur“ Blogger) und weiß aus eigener Erfahrung wie es ist, Opfer solcher Methoden zu werden. Daher setzte ich mich am 23.6 um 20:15 schon voller Vorurteile und mit skeptischer Mine vor den Fernseher.

Was wird da wohl wieder für ein Halbwissen als fest verdrahtete Wahrheit der Cybergangster verkauft? Welche unglaubwürdigen Methoden werden uns als machbar gezeigt und wie tief werden die Logik-Löcher heute wieder sein?
Es wäre nicht der erste Film mit hanebüchenen Dialogen und abstrusen Szenen »
» doch es kam anders …

Da waren die zauberhaften Anleihen an „Die Unfassbaren“ und einige Sätze wie sie auch ein bekannter Superheld (die Jungs fühlten sich auch als solche), nämlich die „freundliche Spinne aus der Nachbarschaft“ sagen hätte können: „Wer ich bin? … Ein unsichtbarer Niemand … neben Dir, in deinem System … ohne das Du es weißt ...“ wären frei kolportierte Gedanken aus dem Film.

Manipulation und Tricks auf allen Ebenen

Der raffinierte Cybercrime-Thriller gab einen spannenden Einblick in die Welt der Hacker, ihrer Opfer, den Fahndern und besonders in die wirklichen Gegner.
Das ganze kam mit wenig unglaubwürdigen Aktionen aus, nur selten gab es Anlass zum schmunzeln ob der gezeigten Scripts, Befehlszeilen oder wegen der Kapuzen und so.

Ich mag ja keine Hacker mit Kapuzen, denn 99 % aller Medien-Berichte werden mit solchen Motiven verziert. Denn in echt sitzen die sicher nicht mit Kapuze im dunklen Raum und starren durch Sonnenbrillen in den Bildschirm. Und nun, in dem Film: Auch Kapuzen und gar Masken! Was soll denn das?

Doch es wurde schnell beantwortet und macht auch Sinn, denn dieses Hacker-Kollektiv, die Gruppe CLAY war auch aktionistisch im Real-Life unterwegs und wir wissen ja alle: Die Kameras sind überall. Die Kostüme wurden aber auch in der Visualisierung des Darknet´s gebraucht, in dem Fall ein U-Bahn Wagen.

Rasanter Cybercrime-Actioner mit verstecktem Psychothriller

Es gab kaum fade Minuten, keine langen Einstellungen von Hirnakrobaten an der Tastatur, sondern viele Szenen welche die Vielfalt der „Arbeit“ dieser Gruppen zeigte: Denn es ist in Wahrheit nur selten so, dass die Hacker ALLES nur am und mit dem Rechner knacken – nein – ein erfolgreicher Angriff auf der digitalen Ebene wird oft mit viel manueller Vorbereitung erreicht.

Dies kann vom banalen Aushorchen der Menschen, über das Manipulieren von wenig heiklen Anwendungen bis zum tatsächlichen Einbruch in Rechenzentren gehen. Auch das zeigte der Film gut, es war ev. ein bisschen dick aufgetragen, bzw. fehlten Details. Manche dieser Aktionen bedürfen sicher mehr Vorbereitung; zB. im BND einbrechen ist sicher nicht so einfach.
Doch wie immer wären langwierige Vorbereitungen fad, würden den rasanten Ablauf stören.

Andererseits wären bei weniger Tempo die vielen Anspielungen auf andere Filme und zb. die Verweise zu tatsächlich existierenden Hackertools eher zu erkennen.

Überraschendes Finale – das doch offen bleibt …

Besonders gut kam die Botschaft herüber, dass man wirklich keinem trauen darf. Auch das Hacker-Idol „MRX“ (Leonard Carow) pfeift auf seine Fans und lässt sie digital auflaufen. Es ist eine rasante Story von mehrschichtiger Manipulation, Täuschung und gegenseitigen Austricksen.

Doch die Hackergruppe CLAY schafft das beinahe unmögliche und hat bald die Aufmerksamkeit der Medien, der Fahnder und ihres Idols gewonnen. Aber auf dem Olymp der Cybergangster ist die Luft dünn und so wendet sich das Blatt. Benjamin, der „freundliche Hacker aus der Nachbarschaft“ gerät in einen Sog aus virtueller und realer Gewalt.

Was aber hinter all den technischen Tricks auf psychologischer Ebene unbemerkt abgeht, merkt man erst wenn es zu spät ist. Danach beginnt sich das trickreiche Karussell der  mehrschichtigen Manipulation und Täuschung erst so richtig zu drehen.

Schließlich gerät der Zuseher von einem Cybercrime-Actioner in einen Psychothriller – ohne es sofort zu bemerken.
Dies alles steigert sich in einem überraschenden, zum Teil offenen Ende …

Mehr zum Inhalt

Benjamin (Tom Schilling) ist ein Nobody. Furchtbar schüchtern, macht er sich unsichtbar und verbarrikadiert sich in der Wohnung seiner dementen Oma, wo er seit sich Mutter und Vater aus seinem Leben verabschiedet haben lebt. Er wird deshalb von seiner Umwelt nur sehr selten wahrgenommen. Allerdings gibt es eine Welt, da ist Benjamin ein Held: im World Wide Web. Hierhin flüchtet er sich und verbringt deshalb fast seine gesamte Lebenszeit hinter dem Computer. Hier kann er tun und lassen, was er will.

Als der Meister-Hacker dann aber im realen Leben auf den charismatischen Max (Elyas M’Barek) trifft, findet er in ihm nicht nur einen Gleichgesinnten, sondern einen Freund. Doch Max tritt nicht allein in Benjamins Leben. Mit ihm kommen der aufbrausende Stephan (Wotan Wilke Möhring) und der ziemlich paranoide Paul (Antoine Monot jr.). Und weil Max in Benjamin einen genialen Türöffner ins WWW erkennt, gründen die vier die Hackergruppe CLAY (Abkürzung für „Clowns Laughing @ You“), die mit gewagten Aktionen für Aufsehen sorgt.

Zunächst stellt man mit Hilfe erschlichener Zugangsdaten Pharmafirmen und Neonazi-Truppen bloß. Dann aber, als man auch den BND, den deutschen Geheimdienst, zu knacken versucht, wird aus dem Spaß plötzlich Ernst. Nun ist den Hitzköpfen das BKA und Europol auf der Spur – und eine konkurrierende Hacker-Truppe will den vier ganz real an den Kragen.
Benjamins größte Sorge dabei: Wie kann er die aufgeweckte Marie (Hannah Herzsprung), in die er sich verliebt hat, aus dem Treiben heraushalten?

Regie: Baran bo Odar, D 2014

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