Immer mehr Menschen begehen in Österreich Verzweiflungstaten

BILD zu OTS - Papageno-Medienpreisverleihung durch Bundesminister Rudi Anschober an Mag.a Ursula Theiretzbacher Fotograf: Christopher Dunker Fotocredit: BKA / Christopher Dunker Ort: Österreich / Wien Originalgröße: 4252 x 2835px (5MB) Veröffentlicht: 11. Sep. 2020, 09:34

Suizidprävention statt „assistiertem Suizid“

Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik fordert umfassende Suizidprävention. Fremde Hilfe um einen Suizid durchzuführen ist inakzeptabel.

In Österreich versterben jedes Jahr rund 1200 Menschen durch Suizid, rund dreimal so viele wie im Straßenverkehr. Suizidprävention ist der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP) daher ein ganz wesentliches Anliegen.

In diesem Zusammenhang ist die ÖGPP sehr besorgt über aktuelle Tendenzen zur Legalisierung des „assistierten Suizids“.
Als PsychiaterInnen sind wir in unserer täglichen Arbeit häufig mit Todeswünschen von PatientInnen konfrontiert.
Im gesellschaftlichen Diskurs wird allerdings oft ausgeblendet, dass der Wunsch zu sterben üblicherweise keine endgültigen Entscheidung ist, sondern als Ausdruck von Angst und Ambivalenz in hohem Maße fluktuiert.
Todeswünsche können unter anderem auch Ausdruck behandelbarer seelischer Erkrankungen wie Depressionen sein.

Die Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP) hat daher bereits im Jahr 2017 ein Positionspapier zum Thema Sterbe- und Suizidhilfe in Österreich herausgegeben und sieht es als zentrale Aufgaben ärztlichen Handelns, Menschen bei der Überwindung von Lebenskrisen zu unterstützen.

Hilfe bei der Umsetzung von Sterbewünschen kann aus Sicht der ÖGPP grundsätzlich keine ärztliche Aufgabe sein. Die ÖGPP lehnt daher eine Änderung der gesetzlichen Situation in Österreich zum Thema Sterbe- und Suizidhilfe ab und vermisst in der Diskussion ein psychiatrisch-psychotherapeutisches Verständnis für Menschen in Krisensituationen. Die vorrangige ärztliche und therapeutische Aufgabe muss es sein, Behandlungsmaßnahmen auch zur leichteren Erträglichkeit schwerer Erkrankungen und des Sterbeprozesses engagiert einzusetzen und die Palliativmedizin in Österreich in allen Fachbereichen zu stärken.

Papageno-Medienpreis für suizidpräventive Berichterstattung 2020 geht an ORF-Journalistin Ursula Theiretzbacher

Papageno-Medienpreis des Gesundheitsministeriums bereits zum zweiten Mal verliehen

Der heurige, nach der Premiere 2019 bereits zum zweiten Mal verliehene, Papageno-Medienpreis für suizidpräventive Berichterstattung geht an Mag.a Ursula Theiretzbacher für ihren im Ö1 – Journal Panorama ausgestrahlten Beitrag „Tabuthema Suizid: Reden hilft“.

„Journalistinnen und Journalisten beeinflussen durch die Art und Weise einer Reportage über Suizid auch die gesellschaftliche Wahrnehmung des Themas. Der Siegesbeitrag zeigt eindrucksvoll, wie Medienberichterstattung dazu beitragen kann, Suizide zu verhüten“, erklärte Gesundheitsminister Rudolf Anschober anlässlich der Preisverleihung, die gestern am Welttag der Suizidprävention stattgefunden hat.

Jährlich sterben in Österreich mehr als doppelt so viele Menschen durch Suizid (1.209 im Jahr 2018) wie durch Verkehrsunfälle, das sind täglich mehr als drei Suizid-Tote in Österreich. Suizid ist bei unter 50-Jährigen in Österreich eine der häufigsten Todesursachen, in der Altersgruppe 15-29 Jahre sogar die zweithäufigste. Gleichzeitig ist Suizid eine der wichtigsten vermeidbaren Todesursachen.

Zwtl.: Österreichs Suizidpräventionsprogramm SUPRA vor internationaler Verbreitung

Seit dem Jahr 2012 wurde eine Reihe von Maßnahmen des nationalen Suizidpräventionsprogramms SUPRA (Suizidprävention Austria) umgesetzt. Dieses Programm wurde bereits zwei Mal als best-practice-Beispiel auf europäischer Ebene (2017 und 2018) in Sachen Suizidprävention ausgezeichnet. Die internationale Weiterverbreitung des SUPRA-Konzepts über eine Joint Action der EU findet ab 2021 statt.

Die Auslobung des Papageno-Medienpreises durch das Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK) ist eine der Maßnahmen des österreichischen Suizidpräventionsprogramms (SUPRA). Als Mitveranstalter konnten die Österreichische Gesellschaft für Suizidprävention (ÖGS), die Wiener Werkstätte für Suizidforschung sowie das Kriseninterventionszentrum Wien gewonnen werden.

„Der Papageno-Medienpreis ist ein wichtiger Bestandteil des nationalen Suizidpräventionsprogramms SUPRA mit dem Ziel, Menschen in Krisen den Weg in das Helfersystem zu erleichtern. Jede Maßnahme, die das Hilfesuchverhalten positiv beeinflusst, wirkt suizidpräventiv“, erläutert der Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für Suizidprävention, Prim. Univ.-Prof. Dr. Christian Haring.

Zwtl.: Zusammenarbeiten, um Suizide zu verhüten – das Motto des diesjährigen Welttags für Suizidprävention

„Das Motto des diesjährigen Welttags für Suizidprävention ist: Hand in Hand für Suizidprävention, im englischen Original: Working Together to Prevent Suicide: Zusammenarbeiten, um Suizide zu verhüten. Diese Zusammenarbeit betrifft auch die Medien, können sie doch durch verantwortungsvolle Berichterstattung über das Suizidproblem auch suizidpräventiv wirken“, so em. o. Univ.-Prof. Dr. Gernot Sonneck, Ehrenvorsitzender der Wiener Werkstätte für Suizidforschung.

Die weitere Verbreitung der Empfehlungen zur Berichterstattung über Suizide ist ein wesentliches Ziel des Papageno-Medienpreises, wie Dr. Thomas Kapitany, ärztlicher Leiter des Kriseninterventionszentrums Wien erklärt: “Für das Kriseninterventionszentrum war und ist Öffentlichkeitsarbeit und die Thematisierung von suizidpräventiven Inhalten in den Medien ein wichtiger Wirkfaktor der Prävention. Es geht darum, eine offene und verständnisvolle Haltung gegenüber Menschen in Krisen in den Medien zu verbreiten und kontinuierlich dazu beizutragen, die Schwelle zu senken, Hilfe in Anspruch zu nehmen und über eigene Not, Bedrängnis und Suizidgedanken zu sprechen.”

Mag.a Ursula Theiretzbacher, diesjährige Preisträgerin für ihren Beitrag „Tabuthema Suizid: Reden hilft“, erstausgestrahlt am 6. Februar 2020 in der Sendung Ö1 – Journal Panorama, betont in ihrer Dankesrede die gestiegenen psychischen Belastungen durch die Corona-Pandemie: „Die COVID-19-Pandemie, die uns mittlerweile seit Monaten im Griff hat, bedeutet für fast alle eine massive psychosoziale Belastung. Ein Gesicht auf einem Bildschirm kann keine körperliche Nähe ersetzen, schon gar keine Umarmung. Aber viele massiv Gefährdete konnten und können u.a. durch den Ausbau von Online- und telefonischer Unterstützung dennoch aufgefangen werden. Wir brauchen langfristig finanzierte psychologische Unterstützung für breite Bevölkerungsschichten, sprich Suizidprävention. Kriseninterventionstelefone müssen verstärkt werden, wir brauchen schneller verfügbare und mehr Psychotherapieplätze. Aber Reden und Zuhören sind die wichtigsten Start-Ingredienzien, um Suizide zu verhüten. Man muss nachfragen bei Verdacht – auch als Laie kann man dabei nichts falsch machen – und gegebenenfalls ist professionelle Hilfe rasch greifbar.“

„Ich danke allen Journalistinnen und Journalisten, die sich die Inhalte des Leitfadens zur Berichterstattung über Suizid zu Herzen nehmen.“, so Gesundheitsminister Rudolf Anschober bei der Preisverleihung.

Wenn jede Minute zählt: Wie Psychotherapie bei Suizidgefahr hilft.

Anlässlich des Welttags der Suizidprävention gilt es Barrieren niederzureißen und Betroffenen möglichst rasche Hilfe zu ermöglichen, fordert der ÖBVP

„Lebensmut machen“. Auf diese kurze Formel kommt es an, wenn die seelische Not für Betroffene unerträglich wird, sagt Wolfgang Schimböck, Vizepräsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP). In solchen Fällen gilt es, „Barrieren wegzuräumen und möglichst rasch erste Hilfe zu ermöglichen.“ Der Welttag der Suizidprävention am 10. September sollte daher genutzt werden, um psychische Erkrankungen zu enttabuisieren und Hürden wie lange Wartezeiten beim Zugang zu Psychotherapie abzubauen, unterstreicht der ÖBVP.

In Österreich sterben beinahe dreimal soviele Menschen an Suizid wie im Straßenverkehr.
Der jüngste offizielle Bericht zu Suizid und Suizidprävention in Österreich weist 1.209 Todesfälle im Jahr 2018 aus – mehr als drei Viertel davon sind Männer.
Außerdem steigt das Risiko mit zunehmendem Alter: In der Gruppe der 75- bis 79-Jährigen ist es fast zweieinhalbmal, in der Altersgruppe der 85- bis 89-Jährigen fast fünfmal so hoch wie das der Durchschnittsbevölkerung, hält der Bericht des Sozialministeriums fest. Schimböck dazu: „Hier spielen mehrere Faktoren zusammen: Krankheit, ein Freundeskreis, der vielleicht immer kleiner wird und in der Folge zunehmende Einsamkeit.“

Sowohl im privaten Umfeld als auch auf gesundheitspolitischer Ebene gibt es wirksame Möglichkeiten, um rechtzeitig präventiv gegenzusteuern. Gerade in Zeiten wie diesen, wo die Corona-Pandemie die Menschen seit Monaten auf unterschiedlichste Weise psychisch besonders fordert.

Mythen und Fakten zum Suizid

Den Angehörigen kommt in diesen Extremsituationen eine besondere Rolle zu: „Wenn der Suizid angekündigt wird, dann findet er nicht statt. Das ist ein weit verbreiteter Mythos“, warnt Schimböck. Das unmittelbare Umfeld kann schon durch Zuhören wertvolle Hilfe leisten, wenn Gefahr droht. Der renommierte Psychiater und Ärztliche Direktor des Landeskrankenhauses Hall in Tirol, Prim. Christian Haring, erklärt: „Fragen, überzeugen, vermitteln – nach diesem Muster sollte vorgegangen werden. Wichtig ist, dass man sich erkundigt, wie es der betroffenen Person geht und wenn möglich andere Menschen einbezieht – also ein Team bildet.“

Dass Männer in den Statistiken deutlich in der Überzahl sind, führt Schimböck darauf zurück, dass sie nach wie vor keine Gefühle zeigen sollen oder wollen. „Hier gilt oft noch das alte Sprichwort: Ein Indianer weint nicht.“ Was die ältere Generation angeht, begrüßen beide Experten die jüngsten Initiativen der Regierung gegen Alterseinsamkeit verbunden mit entsprechenden Vorkehrungen in Zeiten der Corona-Krise. „Ältere Menschen, insbesondere Witwer und Personen mit einer psychischen Grunderkrankung sind besonders gefährdet“, sagt Haring.

Weitere Akzente zur besseren Versorgung der Bevölkerung müssten jedenfalls folgen. Dazu gehört das Aufstocken kassenfinanzierter Psychotherapieplätze mit dem Ziel, die Kontingentierung abzuschaffen. Schimböck: „Viele psychisch Kranke sind auch wirtschaftlich nicht auf die Butterseite gefallen. Es muss möglich sein, dass die Betroffenen rasch und unbürokratisch zu einem Kassenplatz kommen. Es ist daher notwendig, dass der von ÖGK-Obmann Andreas Huss nach dem Vorbild Salzburg eingeleitete Ausbau der Psychotherapie auf Krankenschein zügig vorangetrieben wird. Was wir brauchen ist mehr Psychotherapie – jetzt.“

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