MRT/CT-Untersuchungen: Fehlversorgung in Österreich

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WGKK-Obfrau Ingrid Reischl: “Termine nach Dringlichkeit staffeln, Untersuchungen zielgerichteter anwenden“

„Ständig mehr MRT- und CT-Untersuchungen anzubieten kann sicher nicht die Lösung für das Problem zu langer Wartezeiten sein“. Ingrid Reischl, Obfrau der WGKK und Vorsitzende der Trägerkonferenz des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger, findet klare Worte, wenn es um die jüngsten Diskussionen rund um den vermeintlichen Engpass bei Terminen für CT und MRT geht. Denn: Die Fakten zeigen, dass von Unterversorgung hierzulande keine Rede sein kann. Im Gegenteil.

In Österreich kamen im Jahr 2014 auf eine Million Einwohner 19,7 MR-Geräte. Ein Spitzenwert, wie der internationale Vergleich zeigt. In Frankreich waren es laut OECD-Daten 10,9 Geräte, in Holland 12,9 Geräte pro einer Million Menschen.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Inanspruchnahme dieser bildgebenden Verfahren: Mit fast 120 jährlichen MRT-Untersuchungen pro 1.000 Einwohner führte Österreich die Statistik der OECD Länder vor wenigen Jahren deutlich an.

Untersuchungen oft unangebracht

Fazit: „Wir haben in Österreich ganz offensichtlich eine Fehlversorgung in Form eines übermäßigen und unangemessenen Einsatzes dieser Technologie. Zumal sich zeigt, dass die Menschen dadurch – leider – nicht gesünder sind“, resümiert Reischl.

Statt dessen führe diese Praxis zu einem Teufelskreis: Denn unangebrachte Untersuchungen können zu Kosten führen, ohne klinische Ergebnisse zu erzielen. Dabei geht es nicht nur um den direkten Aufwand für die Untersuchung, sondern auch um Folgekosten für nachfolgende Therapien und in weiterer Folge steigende Wartezeiten.
Für die Patientinnen und Patienten sind negative Konsequenzen wie unnötige Tests und Behandlungen ebenfalls nicht auszuschließen.

Ulf Marnitz, Facharzt für Orthopädie, Sektionsleiter der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft und Berater des deutschen Bundestags, sieht es ähnlich: „Gerade bei Rückenschmerzen ist der Einsatz von CT und MRT in Deutschland weit verbreitet.

Die Gründe liegen unter anderem in der flächendeckenden Verfügbarkeit und dem Bedürfnis von Betroffenen aber auch Ärztinnen und Ärzten, sich schnell rückzuversichern.“ Eine teure und oftmals nicht gerechtfertigte Praxis: „Gerade bei nicht spezifischen Kreuzschmerzen ist eine bildgebende Diagnostik in den ersten vier bis sechs Wochen eigentlich nicht erforderlich. Anders liegt der Fall, wenn konkrete Risikofaktoren wie Tumore, Entzündungen oder Lähmungserscheinungen der Arme und Beine auftreten“, so Marnitz.

Großstadtfaktor: Wien ist Spitzenreiter in Österreich

Wien ist als einzige Großstadt in Österreich besonders von der Anwendung dieser Verfahren betroffen: Im Vorjahr gab die WGKK allein im extramuralen Bereich rund 21,4 Millionen Euro für MRT-Untersuchungen aus (2014: 20,7 Mio. Euro). Für den Bereich CT waren es zuletzt sieben Millionen Euro (2014: 6,7 Mio. Euro). Reischl: „Das bedeutet, dass gut ein Viertel der Untersuchungen in Wien gemacht wird.”

Heruntergebrochen auf den aktuellen Tarif ergeben sich beim MRT Kosten zwischen 141,09 und 171,18 Euro pro untersuchter Region, bei der Anwendung von CT liegt die Bandbreite zwischen 93,37 und 114,11 Euro.
„Diese Tarife sind allesamt gewinnbringend“, betont Reischl. Der Ausbau der Kapazitäten nach dem Gießkannenprinzip könne also sicher nicht das Mittel der Wahl sein.

Auch Schmerzexperte Marnitz kann dem Motto „Weniger ist mehr“ durchaus etwas abgewinnen: „90 Prozent unserer Patientinnen und Patienten sind 40+ und klagen über Rückenschmerzen. Allein auf Grund des Lebensalters würde ein MRT oder CT mit großer Wahrscheinlichkeit eine Diagnose bringen, etwa einen Bandscheibenvorfall.

Damit verbunden ist aber die Riesengefahr, dass wir in solchen Fällen in Richtung Spritzentherapie oder Operation gehen. Viel sinnvoller und wirksamer wäre es, die Bewegungstherapie, also die körperliche Aktivierung bei den Menschen, zu forcieren.“

Lösung: besser steuern, billiger einkaufen

Auf Grund der Faktenlage und der zuletzt teils untragbaren Situation für Patientinnen und Patienten, die dringend eine Untersuchung benötigen, lautet für Reischl das Gebot der Stunde, rasch zu einer besseren Steuerung zu kommen: „Die Termine müssen nach Dringlichkeit gestaffelt werden. Parallel dazu braucht es ein Umdenken, in welchen Fällen diese Methoden Sinn machen und wo nicht.“ In beiden Fragen seien die zuweisenden Ärztinnen und Ärzte gefordert, um insgesamt die Treffsicherheit beim Einsatz von CT und MRT zu erhöhen.

Ein anderer Punkt betrifft den dringend erforderlichen, flexibleren Einkauf der Leistungen. Aktuell ist die WGKK an den Gesamtvertrag zwischen Sozialversicherung und Wirtschaftskammer Österreich gebunden. Das heißt: Die Gebietskrankenkasse kann nicht einfach per individuellem Vertrag mehr Leistungen beim preisgünstigsten Anbieter einkaufen und im Gegenzug weniger beim vergleichsweise teuren. Statt dessen normiert der Gesamtvertrag defacto einen Bestandsschutz der einzelnen Institute.

WGKK-Direktor Andreas Obermaier: „Der Markt funktioniert hier nicht. Das zeigt sich auch darin, dass eine Verlagerung von Standorten, die angesichts der unterschiedlichen Bevölkerungsentwicklung in Wien mitunter sinnvoll wäre, in der Praxis kaum möglich ist.“ Fazit: Der Gesamtvertrag sollte entfallen, damit die Leistungen in Zukunft per Einzelvertrag eingekauft werden können, so Obermaier.

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