Paragleiter: Ein Tag mit den Rittern der Thermik

Paragleiter Hocheck
Paragleiten - ein Abenteuer im Spiel der Naturgesetze | © PeterS

Es war einmal … eine Zeit wo die Menschen ohne Computer, Apps & Co. lebten. Die Sommerhitze war noch kein Vorbote des Weltuntergangs, Kinder ließen in den Herbstwinden die Drachen steigen oder bauten Baumhäuser. Erwachsene lebten mit den Jahreszeiten und arbeiteten ohne digitalen Stress für diese Welt und die wahren Werte.

Ich beneide alle Menschen, welche mit jeder Jahreszeit zurechtkommen. Sie finden sich bei jedem Wetter irgendwelche Outdoor-Hobbys. Sogar im Winter! Da sitze ich lieber im Büro und erinnere mich an die vielen Aktivitäten des (für mich) immer zu kurzen Sommers.

Treffpunkt in 1000 Meter Seehöhe

Heuer durfte ich an einem besonderen Abenteuer teilhaben. Ok, es war natürlich an den heißen Tagen, wo die Medien unseren baldigen Klimakollaps zelebrierten und uns zöpfchenweise unsere alleinige Schuld gaben. Wie auch immer, bei 30 °C Wetter kann man sogar mich relativ pflegeleicht überall hin mitnehmen.

Wir, ein Bekannter und ich haben uns für eine Fotosession an einem besonderen Ort verabredet. Nämlich einen Kilometer über Furth an der Triesting am allseits beliebten Ausflugsziel Hocheck. Wer am Fuße des ersten Tausenders der Alpen wohnt, ist über die ehem. Mautstraße schnell oben – und noch schneller wieder unten. Je nach Wetter …

Markus kommt mit einem enorm großen Rucksack zum Auto. „Ich nehme aber mein Flugzeug mit„, meinte er. WAS!? (ok, der Presse-Landy packt schon ne Menge Nutzlast, aber einen Flieger???). Doch normalerweise trägt seinen „Privatjet“ einfach am Rücken und marschiert über Berge und durch Täler dieser Welt.
Nun kapiere auch ich: Es ist ein Paragleiter Schirm!

Also starten wir von Furth City über die Mautstraße, die eigentlich keine mehr ist, zum Hocheck. Vor dem Schutzhaus parke ich brav den Wagen – obwohl: Laut meinen Scout wären da noch „ein paar Schritte“ bis zum Startplatz für die Abenteurer der Lüfte. Aber auch wenn man’s kann, darf man ja nicht überall durch und drüber fahren.

Sind wir schon da?

Ok, der durchtrainierte Mann ist sportlich gesehen halb so alt wie ich und trägt sein „Flugzeug“, jede Menge Ausrüstung und meine Jammerei ohne die geringste Anstrengung. Er erzählt von seinen Touren durch die Welt, von exotischen Orten und ihren Bewohnern. Und wie man das alles weit abseits der Urlaubs-Industrie und deren Routen erlebt – vielfach nur zu Fuß …

Ich kann ausnahmsweise nicht viel dreinreden, denn wir sind knapp unter der Sauerstoffgrenze eines Pizza und Leberkäse vernichtenden Couch-Potato. Ab und zu ein „WOW!, cool, echt? – … wie lange laufen wir noch?“ bringe ich aber noch raus. Ok, ich habe auch zu schleppen: Meine Kamera. Und ich schaffe es auch bis zum Gipfel des Hochecks!

Nun zeigt er mir den Startplatz: Ein Abhang voller dorniger Sträucher, meterhohen Disteln, Baumstümpfe und was weiß ich alles. Warum ausgerechnet da? Was ist an der Alpin-Dschungel Lichtung so besonders? Und wie soll man da samt dem Gleitschirm runterlaufen, abheben – ohne 5x zu stolpern?
Die Erklärung ist eigentlich ein Crash-Kurs in Meteorologie – aber dazu später mehr …

In der Ruhe liegt die Kraft

Denn zuerst wird meine Geduld auf die Probe gestellt. Da setzt sich der Typ einfach ins Gras und macht – nix! Oberflächlich gesehen dreht er sich in Ruhe eine Zigarette und genießt die Ruhe hier oben. Doch der Schein trügt: Der erfahrene Mann beobachtet mit scharfen Sinnen die Wolken, den Wind und was weiß ich noch alles.

So erfahre ich, wie wichtig die Windrichtung und Stärke ist, wie man dies anhand der Wolken, den Bewegungen der Baumwipfel und ja, vielleicht auch an jedem Grashalm erkennt. Das Fenster in den Himmel der Gleitschirmpiloten ist klein, denn für einen guten Flug muss alles passen. Zu wenig Wind und man kann den Schirm nicht wirklich in den Wind drehen, zu viel aus der falschen Richtung kann gefährlich enden!

Es kommen aber noch andere Faktoren hinzu, Dinge, die ich nicht sehe, spüre – wohl aber solche Leute. Immerhin hängt ihr Leben nicht nur an einigen dünnen Schnüren und einem noch dünneren Schirm, sondern wohl auch an einer Einigkeit mit der Natur. Diese Abenteurer wissen um die Macht der Naturgesetze und um den Wert der Freiheit – welche über den Wolken (und auch knapp darunter) grenzenlos ist.

Nach einigen Stunden (!) Warten auf den idealen Start ist mein Terminkalender völlig aus dem digitalen Häuschen. Aber wurst, gell.
Die Ruhe, Einsamkeit dort oben tut gut und wir philosophieren über „die da unten„. Über Menschen, die in den Schluchten ihrer begrenzten Sicht hausen. Dabei wird mir klar, wie unterschiedlich diese ticken – selbst wenn man nur zwei Bergdörfer vergleicht … Dazu später mehr.

Weltbürger und Weltenbummler

Plötzlich kommen noch ein paar Wanderer mit riesigen Rücksäcken daher – mein geschultes Auge erkennt sofort: Das sind auch Paraglider!
Markus kennt die Leute natürlich, immerhin sind es auch Weltbürger und Abenteurer wie er, kennen ebenfalls alle Ecken und Bergspitzen der Erde. Der eine kommt eigentlich gar aus Australien, wenn ich mich recht entsinne.

Nun hocken wir im Rudel knapp vorm Abhang am Hocheck und tratschen weiter, beobachten. Ich überprüfe zum xten Mal meine Kamera, weil wenn die Typen da runterlaufen und abheben muss es ganz schnell gehen.
Und plötzlich ist es auch soweit! (Ich habs verschlafen, aber die eben noch tiefenentspannten Sportler reagieren sofort auf den idealen Wind.)

Ne, doch nicht. Denn nun beginnen erst die Vorbereitungen. Jetzt wird in aller Ruhe und Sorgfalt die Ausrüstung angelegt, alles überprüft und nochmal gecheckt. 1000e Schnürchen müssen exakt vom Mann zum Schirm verlegt sein, jeder Gurt muss korrekt sitzen, alle Sachen ordentlich verzurrt sein. Immerhin fliegen Kameras, Wasserflaschen, Handys, Höhenmesser und Geräte die ich nicht kenne, mit.

Das ist meist alles im Rucksack, also dem ebenfalls mitgenommenen faltbaren Hangar drin, vieles muss aber auch schnell erreichbar am Mann sein. Dazu Kleidung, Proviant usw. Denn man weiß zum einen nie, wie langen einem die Thermik im Reich der Winde lässt und wo es den Piloten zur Landung hin trägt ist auch nicht immer exakt festgelegt.

Ready for take off

Wieder eine Weile später geht aber alles blitzschnell: Der Schirm „steht“ senkrecht in der Luft, der Pilot noch am Boden. Dann eine Drehung zum Abhang hin, ein kurzer Moment der Konzentration und los gehts! Markus sprintet über den Abhang – und – weg ist er! Nun schwebt er tatsächlich völlig routiniert Richtung Altenmarkt.

Dann schweben diese Piloten in ihren luftigen Sitzen, 1000 und mehr Meter über dem Triestingtal. Sie überqueren sogar die Meyringer-Warte, kreisen wie die Könige der Lüfte über uns und lassen den Fotografen zurück. Egal, denn jeder filmt auch selbst mit, wie man auch am Video hier sieht.

Irgendwann ist aber der emissionsfreie Flug zu Ende, gewinnt die Erdanziehung und bringt die Ritter der Thermik sicher auf dem Boden zurück.
Das ist mein Zeichen, denn ich will zumindest „meinen“ Piloten einsammeln. Nur wo ist er nun gelandet? Vom Hocheck aus sieht man ja nicht, wo der tatsächlich runterkommt.

Landung in zwei Welten

Also fahre ich suchen und lande auch in zwei konträren Welten.

Erst fahre ich in Furth selbst in Richtung eines bekannten Bauernhofes, wohlweislich auf öffentlicher, asphaltierter Gemeindestraße und achte drauf, keine Rinderweide zu tangieren oder … Doch da springt schon der Bauer vors Auto! Hüpft mit der Mistgabel herum, schreit was ich da wolle? Meine Erklärung, hier bloß jemanden zu suchen versteht er nicht. Egal.

Dann der Anruf aus Altenmarkt: „Bin hier gelandet, alles roger!“ Also düse ich dorthin – aber keine Spur von Markus. Ich war sicher, hier irgendwo zwischen Waldrand und Äcker muss er wo sein. Ich suche und suche, bemerke zu spät: Ich stand plötzlich auf einem Bauernhof! Den steinigen Feldweg hat der Presselandy natürlich nicht bemerkt, sondern genossen.

Nun war es auch schon egal. „Jetzt fliegen die Mistgabeln tief„, dachte ich. Doch die Familie war ausgesprochen nett und bot mir sogar an, ich dürfe über die tatsächlich privaten Wege der Landwirtschaft fahren, um meinen Freund zu suchen. Man zeigte mir wo die Wege hinführen und wünschte dem Piloten und mir alle Gute.
So verschieden können die Menschen sein, gell …

Also ich habe ihn dann eh gefunden. Später sitzen wir im „Terminal“, einem kleinen gemütlichen Shop-Cafe in Altenmarkt noch lange zusammen …

Danke an Markus (und alles Gute im fernen Land, wo du jetzt bist) für diesen abenteuerlichen Tag!