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Anpassungsstörung versus Grenzsetzung

geralt / Pixabay

Grenzsetzung ist nicht gleich Anpassungsstörung. Dies ist Unsinn.
Sagt das jemand kann man annehmen er/ sie kommt mit dem eigenen Leben nicht zurecht.

Den Goldenen Schnitt finden. Kein leichtes Unternehmen.

Die Gangbare Mitte, doch es ist schwer. Schnell ist man Angriffen ausgesetzt, weil die anderen nicht verstehen wollen und auch nicht können.

Zur Kritik

Wenn man davon ausgeht, dass niemand von psychosozialen Belastungen aller Art verschont bleibt, dann kann man sich denken, dass mit einer solchen Diagnose dem gehäuften Auftreten seelischer Störungen Tür und Tor geöffnet sind. Tatsächlich handelt es sich um eine in der Abgrenzung zur „normalen Alltagsbelastung“ und auch wissenschaftlich gesehen kaum untersuchte und damit wenig scharf gefasste Kategorie. Im Grunde geht es hier nur um einen Auslöser (Stress über eine subjektiv ertragbare Grenze hinaus) ohne weitere konkrete Richtlinien für den Alltag in Diagnose und Therapie.

Andererseits ist es nicht falsch, auch grenzwertige Belastungen/Reaktionen bzw. fließende Übergänge von „normal“ zu „gestört/krankhaft“ in die Psychopathologie (Krankheitslehre) des Lebens aufzunehmen. So etwas hat man früher gar nicht erkannt bzw. treffender: anerkannt. Das Leid von zahllosen Generationen Betroffener war aber sicher so belastend bis quälend wie heute auch. Und dass der komplexe Zusammenhang zwischen „individueller Verwundbarkeit“ (Fachausdruck: Vulnerabilität), belastenden Lebensereignissen und seelischer bzw. psychosozialer Reaktion darauf bisher unzureichend erforscht ist, kann auch nicht als Argument zählen. Man muss einfach einmal einen Anfang machen, dann gewinnt auch alles andere (Beschwerdebild, Ursachen, Verlauf, Therapie und Vorbeugung) an schärferer Kontur.

Heute allerdings ist die Diagnose „Anpassungsstörung“ das, was die Wissenschaft als „Restkategorie“ bezeichnet. Oder allgemeinverständlich: Hier kommen jene Leidensbilder unter, die bei den anderen, konkreter gefassten Erkrankungen nicht eingeteilt werden können.

Oder in den Worten der Betroffenen: „Nichts geht mehr wie früher“ oder „nichts ist mehr wie es war“.

Das hört sich dramatisch an, hat aber wenigstens einen Vorteil: es ist zeitlich begrenzt (im Gegensatz zur posttraumatischen Belastungsstörung – siehe unten).

Manchmal drohen auch dramatische Verhaltensweisen, z. B. ernstere Reizbarkeit bis hin zur Aggressivität oder gar Gewaltausbrüchen (aggressive Durchbrüche). Besonders bei Jugendlichen kann sich eine Anpassungsstörung in Form gestörten Sozialverhaltens bemerkbar machen, also rücksichtsloses oder gar dissoziales (asoziales) Verhalten, z. B. beim Autofahren, im Bekanntenkreis, in Schule oder am Arbeitsplatz, ja in völlig fremder Umgebung.

Nicht selten ist dann auch der Missbrauch von Genussgiften oder gar Rauschdrogen, vor allem ein exzessives Sich-Betrinken.

Aber auch sozialer Rückzug, ja eine regelrechte Isolationsneigung sind möglich. Und nicht selten „dunkle Gedanken“, wenn nicht gar konkrete Selbsttötungs-Ideen oder Suizid-Vorbereitungen.

Die Ursachen einer Anpassungsstörung

Die Ursachen einer Anpassungsstörung sind so vielfältig wie das Leben selber. Entscheidend ist eine Erkenntnis, die vor allem bei den beiden Alterspolen, d. h. bei jüngeren und alten Menschen gerne übersehen wird: Es kommt nicht auf die „objektive“ Intensität der Belastung an (also das, was „man“ für belastungs-relevant hält), sondern auf die subjektive Ertragbarkeit, bildhaft gesprochen: die Breite der Schultern, die es dann auch zu (er)tragen haben. Das wird gerne oder fast regelhaft übersehen.

Damit hat der Patient gleich zwei Probleme:

  1. die Belastung an sich
  2. das Unverständnis seines Umfeldes: Eltern, Partner, Kinder, Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen, Lehrer, manchmal auch der Arzt.

Hier sollte sich deshalb jeder einen Satz ins Gedächtnis zurückrufen, den er schon selber einmal missbilligend am eigenen Leib erfahren hat:

Einzelheiten zu den möglichen Ursachen, vom Liebeskummer bis zur Diagnose einer unbehandelbaren Krebserkrankung, von der überfahrenen Katze bis zum Tod des Partners siehe der Kasten über die reaktive Depression oder einfach die individuelle Erinnerung an vergleichbare Situationen im eigenen Umfeld.

Entscheidend aus wissenschaftlicher Sicht ist offenbar zweierlei:

  1. Die Rolle des so genannten „Stressors“ (allgemeinverständlich: des belastenden Lebensereignisses) für die Entwicklung einer Anpassungsstörung ist bisher noch nicht adäquat untersucht worden, besonders was die entscheidende Kombination aus Belastungsintensität und Vulnerabilität (Verwundbarkeit, letztlich psychische Stabilität bzw. Instabilität) anbelangt. Es gibt zwar viele Untersuchungen in der so genannten Life-event-Forschung über die Auswirkungen eines Lebensereignisses auf die Betroffenen, kaum aber zur neuen diagnostischen Kategorie der Anpassungsstörung.
  2. Häufig ist es nicht nur eine einzelne Belastung, die in der Mehrzahl der Fälle noch am ehesten „weggesteckt“ werden kann. Gefährlicher ist die so genannte „Akkumulation von Risikofaktoren“ wie – vorbestehende mangelhafte Belastbarkeit oder gar psychische Störung

 

  1. – unzureichende zwischenmenschliche, insbesondere partnerschaftliche und familiäre, aber auch berufliche Unterstützung – Defizite in der individuellen Bewältigungsstrategie, was die zu erwartenden Beeinträchtigungen, Frustrationen (vom lateinischen: frusta = vergeblich), Kränkungen, Demütigungen, Überforderungen u.a. anbelangt.

Möglicherweise spielen neben solchen Umgebungsfaktoren auch genetische Aspekte, also Erbeinflüsse ein Rolle (was für viele seelische Erkrankungen nachgewiesen, bei den Anpassungsstörungen aber noch nicht ausreichend untersucht worden ist).

 

Was kann man tun?

Anpassungsstörungen vergehen zwar definitionsgemäß nach einiger Zeit wieder, aber bis dahin sollte man etwas tun, um sie abzukürzen oder zumindest zu mildern. Einzelheiten dazu siehe auch der Kasten über die reaktive Depression. Dort wird auch von einer so genannten Krisenintervention gesprochen. Die ist auf jeden Fall sinnvoll bzw. unerlässlich. Hierzu haben sich bestimmte Regeln der Krisenintervention bewährt (siehe nachfolgender Kasten):

 

Regeln der Krisenintervention

Dauer: einige Stunden (maximal 10 bis 20 Stunden)

Medikamentöse Zusatzbehandlung: ggf. kurzfristige medikamentöse Entlastung durch Benzodiazepin-Tranquilizer in niedrigster Dosierung (deshalb Tropfenform empfohlen) oder zeitlich begrenzt Schlafmittel (z. B. Zopiclon oder Zolpidem, die unter verschiedenen Handelsnamen auf dem Markt sind). Bei mittelfristigen depressiven Zuständen ggf. zusätzliche antidepressive Psychopharmaka, beginnend mit dem Pflanzenheilmittel Johanniskraut (aber angepasster Dosierung, z. B. 3 x 300mg) bis zu synthetischen Antidepressiva der neuen Generation, z. B. die so genannten SSRI-Antidepressiva (Einzelheiten siehe das entsprechende Kapitel)

Psychotherapie: zur Förderung der Einsicht und Aktivierung der seelisch-körperlichen und psychosozialen Reserven (Fachbegriff: Ressourcen) zur jeweiligen Problembewältigung

Zu Beginn: Entlastung von gemütsmäßigem Druck, von Schuldgefühlen, Ängsten, Feindseligkeit, Niedergeschlagenheit u.a.

Beziehung: verständnisvolle supportive (unterstützende, wiederaufbauende) Zuwendung des Therapeuten

Weitere Ziele: Förderung der Motivation des Patienten, Stärkung der eigenen Kräfte, Auswahl geeigneter Problemlösungsstrategien, Wiedergewinnung der Selbstkontrolle

Entscheidender Aspekt: Bewältigungsstrategien im Hier und Jetzt erarbeiten

Einbeziehung des Umfelds: z. B. Partner, sonstige Angehörige, ggf. Nachbarn, oft nützlich bis unverzichtbar.

Medikamente, doch wie wird der behandelt der sich für soooo gesund hält?

Ich erkenne dabei etliche alte Muster die man verbessern müsste. Wie?

Zur Aggression gehören immer mehrere?
Ausgrenzung muss wo ihren Anfangspunkt haben? Und vieles mehr. Der kranke wird sofort als krank abgestempelt nur weil er sagt: „Ich brauche eine Grenze es ist zu viel“!

 Unsere Gesellschaft tickt so: Sagt jemand er hat ein Problem bei Belastung oder beschimpft zu werden. Wird er sofort Gemobbt, ausgegrenzt und alle die sich den Gruppen Druck hingeben spotten auf ihn.

Der Psychologe macht es sich meistens auch einfach, wer zugibt er hat ein Problem wird mit Medikamenten vollgestopft und gesagt: „Nur sich können sich ändern“! Egal wie die anderen weiter hinschlagen.

Hier ein weiterer Interessanter Link zum Thema.

Quelle