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WINNETOU – der Mythos lebt

Die RTL-Trilogie erzählt Winnetou neu und respektvoll. Dennoch gerät der Quotenhit unter Kritik-Feuer ...

Winnetou Winnetou - Der Mythos lebt | Foto: RTL / Nikola Predovic & Jens Koch / Mon.: zib

Als Fan der „Native Americans“  Kultur hat man viele Bezugspunkte zu Werken, wo es sich um diese große Völkergruppe dreht. Und wer den Aufwand hinter solchen Filmproduktionen kennt, kann eine durchaus fundierte Kritik abgeben.

Eins vorweg: Als jemand, der die Originalfilme aus den 60er Jahren immer mochte, trotz des heute etwas altbacken und über-romantischen Szenenbildes gerne anschaut, war ich extrem skeptisch als ich von dem RTL Projekt zur Neuverfilmung hörte.
UWinnetou - Der Mythos lebt [3 DVDs]nd was noch mehr wiegt: Wer soll die beiden Ikonen Pierre Brice und Lex Barker ablösen? Das sind zu große Mokasins die sich RTL da anzieht, oder?
Pierre Brice gab der Karl May Figur Winnetou erst das richtige Profil. Seine Verkörperung des edlen Häuptlings der Mescalero-Apachen war ernst gemeint, er war Winnetou. Diese Leistung tröstete über so manches Hoppala der Reindl Filme hinweg und machte sie zum Kult.

Wir durften Pierre Brice persönlich kennenlernen – es war ein Eindruck für immer, schade das er diesen Film nicht mehr erleben durfte. Was er vor dem Dreh dazu sagte, dazu später mehr.

Als RTL nun den neuen Winnetou, den Albaner Nik Xhelilaj erstmals präsentierte, dachte ich: „Was will den der Junge da?“ DER soll den edlen Apachen-Häuptling darstellen können? Nie und nimmer!
Dann noch Wotan Wilke Möhring als Old Shatterhand – geht ja gar nicht!

Naja, ich guck mal rein, wird eh nix – aber dann …

Aber man kann seine Meinung ändern und ich stehe dazu. Denn ich schaute mir die Trilogie trotz allem an und war bald überzeugt: „Das haben die gut gemacht, anders, aber sehr ambitioniert„.
Alle 3 Teile sind flüssig erzählt, straff abgehandelt und weitaus realistischer, erdiger, ehrlicher als die Originale. Keine Postkartenromantik des Wilden Westens, sondern eine rauhe Umwelt mit ebenso rauhbeinigen Gesellen.

Unter der Regie von Philipp Stölzl erzählt die faszinierende und aufregende Neuinterpretation die legendäre Freundschaft des deutschen Einwanderers Karl May alias Old Shatterhand und des Apachenhäuptlings Winnetou:  Die Geschichten entsprechen in ihrer neuen Machart jetzt auch mehr der Realität und der rauen Wirklichkeit des Wilden Westens als es die Verfilmungen aus den 60ern getan haben.„, so Stölzl.

Diese Neuinterpretation ist übrigens auch nicht weiter von May´Büchern entfernt, als es sie Originale taten. Der Drehbuchautor Jan Berger (bei Teil 2 unter Mitarbeit von Alexander M. Rümelin) erzählt sowohl eine hoch emotionale Geschichte als auch ein spannendes Wildwestabenteuer.

Man hätte diese Trilogie leicht ins Kino bringen können, die Technik und die Bildsprache ist jedenfalls für jede Leinwand tauglich. Wahrscheinlich trugen dazu auch die Drehorte dazu bei, denn die Helden ritten wieder über Kroatiens Prärie, zT. bei den Originalschauplätzen, bzw. bei neuen Naturkulissen der Nationalparks von Paklenica und Krka.

Dabei wurde heute großes Augenmerk darauf gelegt, die Traumwelt ganzer Generationen von Kinogängern und die Drehorte der 60er-Jahre,  wie die grandiosen Felsskulpturen des Velebit-Gebirges und die tiefen Schluchten des Zrmanja-Flusses in den kroatischen Landschaften erkennbar zu machen, ohne dabei allerdings die alten Motive zu kopieren.

Dazu die Filmmusik – da konnte Kultkomponist Martin Böttcher mit seinen beliebten sowie weltbekannten Original-Winnetou-Melodien gewonnen werden, die von Heiko Maile neu arrangiert und interpretiert.

Wie hielten sich nun die Mimen im Sattel?

Wotan Wilke Möhring und Nik Xhelilaj hätten als neues Filmduo noch viel erreichen können, hätte der große Geist, bzw. der Drehbuchautor den Apachen nicht sterben lassen. Das hätte nicht sein müssen! Eine Alternative Erzählung, welche Manitu sei Dank Nscho-tschi  (grandios von der Mexikanerin Iazua Larios gespielt) leben lies, hätte auch Winnetou nicht umbringen müssen.
So sind Fortsetzungen verbaut. Möglicherweise mit Absicht, weil man eh alles Budget für die 3 Teile verbraten hat?

Der facettenreiche und ausgezeichnete Milan Peschel ist als Sam Hawkens zu sehen – und der machte seine Sache weit besser als das Original! Ok, seine Rolle war auch tragender angelegt und es passte gut.
Jürgen Vogel macht als Rattler und Oliver Masucci als Ugly Joe den Helden das Leben schwer, Fahri Yardim und Matthias Matschke machen sich auf zum Silbersee. Und es gibt ein Wiedersehen mit Gojko Mitic, dem Star zahlreicher DEFA-Indianerfilme, der 60er-Jahre-Nscho-tschi Marie Versini sowie dem großartigen Mario Adorf in der Rolle des Santer Senior. Als sein Sohn Santer Jr., den Adorf in den 60er-Jahre-Filmen spielte, ist jetzt Michael Maertens zu sehen.

Statt Straßenfeger für die ganze Familie – hagelts Kritik im Netz

Die Macher der neuen Winnetou Trilogie betonten immer wieder, die Originale nie von ihrem Sockel stoßen zu wollen, nichts kopieren zu wollen, sondern eine Neuinterpretation mit Reminiszenzen an die Kultfilme geschaffen zu haben. „Allesamt sind wir Fans der Originale und machten damit unsere Verbeugung vor der Leistung dieser Filme.“ so RTL-Fiction-Chef Philipp Steffens. „Es wurde ein Abenteuer, das Jung und Alt an Weihnachten zusammenrücken, lachen, weinen und mitfiebern lässt„.

Doch die herben Kritiken, va. von männlichen Postern abgesondert, zeugen nur von Unkenntnis der historischen Fakten, vom ignorieren künstlerischer Freiheit und ihnen entging, dass wir nicht mehr 1964 schreiben.

Immerhin ist „Winnetou – Der Mythos lebtkeine Doku, sondern Unterhaltung und wem es nicht gefällt der kann ja umschalten zu Pilcher oder Bruce Willis vergöttern wenn er aus einem brennenden Jet auf ein explodierendes Hochhaus springt und dabei mit dem Buttermesser 100 Leute pro Minute umnietet.

Die Damen hatten weit mehr Lob übrig, was möglicherweise einem gewissen Darsteller zurechenbar ist: „Den Nik würde ich nicht aus meinen Zelt schubsen„, schreibt da eine. Ich kann dazu nur sagen: „Nscho-tschi ist einfach super!“ Deren Rolle wurde auch viel besser angelegt, weit mehr Präsenz, sie hatte das Sagen. Ja, auch Bruder Winnetou hörte und folgte ihren Rat.

Sicher hatte auch diese Neue Erzählung einige Fehler, aber wenigstens fuhren keine VW-Käfer durch die Prärie und kein Indianer war mit dem Handy auf Kriegspfad.

Das „OK“ von Pierre Brice und seine letzte Botschaft: „Frieden ist möglich!“

Pierre Brice

Pierre Brice | ©: Marcus Ostermann

Hier gelang zumindest künstlerisch eine Mischung aus Kevin Costner´sDer mit dem Wolf tanzt“ und Bully Herbigs Parodie „Der Schuh des Manitu„. Beides enorm erfolgreich Filme mit einem definierten Zielpublikum.

Obwohl man bei „Winnetou – Der Mythos lebt“ keinen Klappstuhl ausgrub, kam der Humor nicht zu kurz.  Aber der Film erzürnte auch den großen Pierre Brice nicht, im Gegenteil: Er gab noch knapp vor seinem Ableben sein OK zu dem Projekt welches da eben in Planung war. Von Bully´s großartiger Parodie war er nicht sofort so angetan wie von diese Neuerzählung.

Regisseur Philipp Stölzl erzählt uns von seinem Briefwechsel mit Brice: „Am Ende seiner Antwort wünschte er uns viel Erfolg und ermahnte uns, dass wir mit Winnetous Botschaft an die Zuschauer verantwortungsvoll umgehen: ‚Alle Menschen können Brüder sein. Frieden ist möglich!‘. … Wir haben das getan

Und man spürt eine Anlehnung vor Costner´s Werk, wo endlich etwas Wahrheit in dieses Genre kam. Dieser Meilenstein der Filmgeschichte bekam 7 Oscars (wenn ich mich richtig erinnere) und dort störte es keinen, das Lakota gesprochen wurde.
Jetzt schon, wobei das seinen Grund hat: Denn Lakota ist viel leichter zu lernen als eine der vielen, komplexen Sprachen der Volksgruppe der Apachen.

Enorme Leistung von Besetzung und Stab

Es war überhaupt eine enorme Leistung der Darsteller, einige lernten während der anstrengenden Dreharbeiten eben so nebstbei Lakota. Vor allem Nik Xhelilaj wurde in der Zeit zu Winnetou, was anfangs aufgrund einer rel. normalen Körperform nicht so aussah. Er trainierte sich in kürzester Zeit einen Body an, welcher einem Apachen-Krieger gut steht.

Die Dreharbeiten waren deswegen anstrengend, weil zum einen das unberechenbare Wetter in Kroatien alles forderte und weil man vieles wirklich selbst machte. Der Computer musste nur die Brücke über den Fluß rendern.

Aber zB. die Dampflok war gar echt, die fuhr wirklich, die wurde wirklich unter Dampf gesetzt uvam. war Real. Man baute auch die Wetterkapriolen in die Dramaturgie ein, manche Schlammpiste kam der rauhen Atmosphäre zupass. Oder die Nebelsuppe an den letzten Drehtagen wollte nicht weg – doch ich fand die düstere Stimmung beim Teil 3 passend zu den tragischen Ende …

Dazu all die liebevoll hergestellten Bauten, eine ganzes Dorf an dem die Schauspieler wirklich während der Drehs arbeiteten und all die Requisiten, Masken, Kostüme – die 1000en Details stimmten wirklich gut.

Es gäbe noch sehr viel zu sagen, aber das ev. ein anderes Mal …
Schau´n sie sich das an, ohne Vorurteile gegen das Neue und ohne Glorifizierung anderer Werke, lassen Sie sich von der Geschichte einfach mal fesseln – der TV-Sessel ist kein Marterpfahl und das Netz keine Klagemauer.  Wem es nicht gefällt kann ja abschalten – aber postet nicht solchen Unsinn …

Für mich persönlich war und ist es am wichtigsten, dass der Respekt vor diesen Völkern gewahrt bleibt, denn jenen passierte der größte Genozid aller Zeiten. Und wie man nicht nur von unseren Bekannten Silverbird weiß, werden sie nicht gerne als „Indianer“ bezeichnet. Also respektiert das Werk und nennt die Filmemacher nicht Dilettanten – denn diese gingen respektvoll mit dem Thema um!


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